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Delta-Variante droht Industrie stillzulegen: Thailand steht vor nächster Rezession

Fabriken schließen, Ausgangssperren werden ausgeweitet, Infektionszahlen auf Höchstständen: Thailands Wirtschaftskrise verschärft sich massiv – die Wut der Bevölkerung wächst.


Corona-Impfung in Bangkok

Die Infektionszahlen sind auf Rekordniveau.


Bangkok Erst brachte die Coronavirus-Krise Thailands Tourismusgeschäft zum Erliegen. Nun bedroht eine heftige Ansteckungswelle die noch viel wichtigere Industrie des Schwellenlandes.


In den drei thailändischen Fabriken von Toyota stehen seit mehr als zwei Wochen die Bänder still. Normalerweise kann der japanische Autohersteller in den Werken am Rande Bangkoks mehr als eine halbe Million Fahrzeuge im Jahr produzieren und versorgt damit die Länder Südostasiens. Doch wegen Covid-19-Infektionen in der Belegschaft musste ein wichtiger Zulieferer seinen Betrieb einstellen – und ohne Nachschub kann auch Toyota nicht mehr produzieren. Wann es wieder weitergehen kann, ist offen.


Die rasante Ausbreitung des Virus in den Industriegebieten ist für Thailands ohnehin geschwächte Wirtschaft ein weiterer Rückschlag. Ein boomendes Exportgeschäft war in den vergangenen Monaten die letzte Stütze für die angeschlagene Konjunktur. Nun rechnen Wirtschaftsvertreter angesichts massenhafter Fabrikschließungen mit Milliardenverlusten. Ökonomen warnen, dass das Land auch im zweiten Jahr der Coronakrise in eine Rezession abzurutschen droht.


Auch die Landeswährung befindet sich auf Talfahrt: Seit Jahresbeginn sackte der thailändische Baht im Vergleich zum US-Dollar um mehr als neun Prozent ab – so stark wie keine andere Währung Asiens.


Eine Entspannung der Infektionslage ist nicht in Sicht: Am Mittwoch meldeten die Gesundheitsbehörden in Bangkok einen neuen Höchststand von mehr als 20.000 Ansteckungen und knapp 200 Todesfällen binnen eines Tages. Die Zahlen steigen kontinuierlich, obwohl in der Hauptstadt und anderen stark betroffenen Provinzen bereits seit Mitte Juli ein Teillockdown in Kraft ist.


Tuk Tuk Taxi in Bangkok

Inzwischen wurde in der Hauptstadt eine abendliche Ausgangssperre verhängt.


Am Dienstag wurden die Maßnahmen, nach denen unter anderem Einkaufszentren, Restaurants und öffentliche Parks geschlossen sind, auf 16 weitere Landesteile ausgedehnt. Auch eine nächtliche Ausgangssperre ist in den betroffenen Gegenden, in denen fast die Hälfte der Thailänder lebt, in Kraft.


Thailands Konsumklimaindex auf niedrigstem Wert seit der Asienkrise


Industrievertreter zeigen sich alarmiert: „Vor einem Monat waren wir mit Blick auf Covid-19 noch besorgt“, sagte am Dienstag der Chef der Exportvereinigung TNSC, Chaichan Chareonsuk. „Inzwischen ist die Lage angespannt.“ Arbeiter in mehr als 1500 Fabriken hätten sich bereits mit dem Virus angesteckt. Wenn sich der Trend fortsetze, drohe der Exportwirtschaft in der zweiten Hälfte des Jahres ein Einbruch um mehr als neun Milliarden Dollar, warnt Chaichan.

Im ersten Halbjahr waren Thailands Warenausfuhren im Vergleich zum Vorjahr noch um mehr als 15 Prozent gestiegen – angetrieben vom Wirtschaftswachstum in den Abnehmerländern in Europa und Amerika. Im Gesamtjahr droht nach TNSC-Prognosen wegen der Lieferkettenstörungen aber nur noch ein Sieben-Prozent-Plus übrig zu bleiben.


Gleichzeitig bricht die Inlandsnachfrage ein. Bangkoks zentraler Shopping-Bezirk rund um den Siam Square, in dem sich ein Einkaufszentrum an das nächste reiht, ist seit Wochen weitgehend menschenleer. Der Konsumklimaindex sank zuletzt auf den niedrigsten Wert seit der Asienkrise Ende der 90er-Jahre. „Die Menschen sind besorgt über die schlechten wirtschaftlichen Aussichten – ein Großteil erwartet größere Schäden als nach der Finanzkrise von 1997“, kommentierte die Universität der thailändischen Handelskammer, die den Index berechnet.

Analysten rechnen nun mit einer technischen Rezession im dritten Quartal. Während die thailändische Wirtschaft von April bis Juni zum Anfang der aktuellen Infektionswelle laut den Ökonomen der thailändischen Krungsri-Bank im Vergleich zum Vorquartal wohl um 0,6 Prozent geschrumpft ist, ist im aktuellen Quartal angesichts der breitflächigen Corona-Restriktionen ein noch schärferer Einbruch zu erwarten.


Auch für das Gesamtjahr gibt es kaum noch Grund für Optimismus: Die Zentralbank senkte am Mittwoch ihre Wachstumsprognose auf nur noch 0,7 Prozent, nachdem sie diese erst vor weniger als zwei Monaten auf 1,8 Prozent abgeschwächt hatte. Damit kann sich Thailand höchstens minimal von dem Krisenjahr 2020 erholen, als das Bruttoinlandsprodukt um 6,1 Prozent zurückgegangen war.


In keinem anderen Land Südostasiens sind die wirtschaftlichen Aussichten derart düster. „Diese Infektionswelle wird die Wirtschaft sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr treffen“, teilte ein Zentralbankvertreter mit. „Die Auswirkungen sind größer, als wir erwartet hatten.“


Nur wenige Touristen kommen noch nach Thailand


Thailand war noch im vergangenen Jahr eines der erfolgreichsten Länder in der Pandemiebekämpfung mit insgesamt weniger als 10.000 Infektionen bis Ende Dezember. Angesichts der geringen Fallzahlen sah die Politik keinen Druck, sich schnell große Mengen an Impfstoffen zu beschaffen. Sogar eine Beteiligung an der internationalen Impfallianz Covax lehnte Thailand anfangs ab. Nun fällt es dem Land schwer, die Impfrückstände aufzuholen. Erst knapp sechs Prozent der Bevölkerung sind vollständig immunisiert.


Die besonders ansteckende Delta-Variante des Coronavirus, die das Infektionsgeschehen inzwischen dominiert, kann sich so beinahe ungebremst ausbreiten. Das Gesundheitssystem kommt an die Belastungsgrenze: Obwohl laufend neue Notkliniken errichtet werden, ist inzwischen fast jedes Bett belegt.


Angesichts der Zuspitzung der Krise rückt auch der Wunsch der Regierung, das Land möglichst bald wieder für das lukrative Urlaubsgeschäft zu öffnen, in weite Ferne. Premierminister Prayut Chan-ocha hatte einen weitgehenden Wegfall der Einreisebeschränkungen für Oktober angekündigt – ein Zeitplan, den nun kaum noch jemand für realistisch hält.


Verlegung einer 82-jährigen Corona-Patientin

Patienten müssen innerhalb des Landes in andere Krankenhäuser werden.


Ein Pilotprojekt auf der Insel Phuket, wo vollständig geimpfte Reisende seit Anfang Juli ohne Quarantäne einreisen dürfen, enttäuschte bisher die Erwartungen. Im ersten Monat kamen lediglich 14.000 Besucher – vor der Coronakrise verzeichnete die Insel rund 900.000 Gäste im Monat. Die Reisebranche liegt am Boden: Thailands Hotelvereinigung meldet derzeit knapp eine Million Arbeitslose in ihrem Gewerbe.


Für derzeit vom Lockdown betroffene Unternehmen und Beschäftigte bewilligte die Regierung in Bangkok diese Woche weitere Hilfen von rund 900 Millionen Dollar. Analysten halten die bereitgestellten Summen aber für viel zu niedrig. „Die fiskalischen Maßnahmen sind unzureichend“, kommentierte Krungsri-Chefökonom Somprawin Manprasert. „Es ist jetzt Zeit für eine ,Whatever it takes'-Politik, um unser Land vor dem Kollaps zu bewahren.“

Auch in großen Teilen der Bevölkerung ist die Unzufriedenheit über die Corona-Politik von Premier Prayut hoch. Trotz eines pandemiebedingten Versammlungsverbotes erschienen am Wochenende Hunderte Demonstranten bei einem Auto-und-Motorrad-Protestzug durch Bangkok und forderten den Rücktritt des Premierministers, der seit einem Putsch im Jahr 2014 an der Macht ist und vom Militär gestützt wird. „Die Regierung hat dabei versagt, uns rechtzeitig Impfstoff bereitzustellen“, beklagte einer der Teilnehmer. „Jetzt können wir kaum noch unseren Lebensunterhalt verdienen.“


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